Michael Schumacher
12 Uhr: Die Sonne brennt, der Schweiß rinnt über den Rücken. Einige Hundert Mitarbeiter des Sindelfinger
Mercedes-Benz-Werks drängen sich im Halbkreis vor Absperrgittern – und warten. Eine Viertelstunde lang
passiert nichts. Eine Viertelstunde ist lang, wenn die Mittagspause nur eine Dreiviertelstunde oder
höchstens eine Stunde beträgt. Unmut regt sich aber nicht, vielmehr herrscht Geduld vor – und Vorfreude.
„Den Michael verfolge ich von Anfang an. Er tut mir jetzt fast leid, dass er so weit hinten fährt“, sagt
Helmut Kärcher aus Pliezhausen – und wartet.
Mit Michael meint der ehemalige Mercedes-Mitarbeiter Kärcher – er ist im Vorruhestand – Michael
Schumacher. Der siebenfache Formel-1-Weltmeister hat gestern gemeinsam mit seinem Teamkollegen Nico
Rosberg und Mercedes-Motorsport-Chef Norbert Haug das Mercedes-Werk in Sindelfingen besucht.
Im Vorfeld hatten die Daimler-Mitarbeiter über das interne Netz die Möglichkeit, Fragen zu formulieren.
„Wir haben die Fragen gesammelt und die herausgesucht, die am häufigsten gestellt wurden“, erklärt
Wolfgang Schattling, Leiter der Motorsport-Kommunikation bei Mercedes, den Modus.
Er erläutert auch, warum sich der Auftritt der beiden Mercedes-GP-Piloten verzögert: „Sie haben noch
gemeinsam mit Norbert eine internationale Telefonkonferenz. Wir versuchen ja, positive Botschaften
weiterzutragen. Für die guten Ergebnisse müssen am Wochenende dann die Fahrer sorgen“. Schattling spielt
auf den Großen Preis von Deutschland in Hockenheim an, der am Sonntag gefahren wird.
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12.20 Uhr: Schumacher und Rosberg treten unter großen Beifall der Motorsportfans auf die Bühne, die auf
einem Lastwagen aufgebaut ist. „Ich freue mich, mal wieder hier sein zu können. Es ist knapp 20 Jahre
her, als ich das letzte Mal das Werk besucht habe“, sagt der 41-jährige Schumacher, der nach
dreijähriger Pause wieder in den Formel-1-Zirkus eingestiegen ist. Der 25-jährige Nico Rosberg ist das
erste Mal „in so einem Werk. Ich freue mich auf den Besuch und auf die neuen Modelle, die wir hier sehen
können und auf den Bereich der Elektronik-Entwicklung.“
Schumacher plaudert charmant
Die Formel-1-Stars sind gelassen und entspannt. Bei Sonnyboy Rosberg war das zu erwarten. Schumacher
hingegen war jahrelang als verbissener Typ bekannt, der selber sagt, dass das extrem Verbissene von
damals „einer Lockerheit gewichen ist“, die er so nicht gehabt habe. Tatsächlich wirkt Schumacher sehr
locker, er geht charmant plaudernd auf die Fragen ein.
Vieles dreht sich um das bisher schwache Abschneiden Schumachers in dieser Saison. „Wir sind auf dem
richtigen Weg uns zu verbessern. Wir entwickeln das Auto ständig weiter. Die Atmosphäre im Team ist gut,
wir haben einen tollen Zusammenhalt“, sagt Schumacher dazu. „Die drei Jahre Pause gehen nicht spurlos
vorbei. Ich bin auch nicht jünger geworden. Ich bin in ein Auto eingestiegen mit anderen Maßen und einem
anderen Charakter, als ich es gewohnt war. Das braucht seine Zeit. In diesem Jahr wird es relativ schwer
sein, in der Meisterschaft noch etwas zu bewegen.“
Rosberg: „Wir verstehen uns“
Auf die Frage, wie es für ihn sei, mit Michael Schumacher in einem Team zu fahren, sagt Rosberg. „Ich
finde es sehr gut, mit Michael zu fahren, von ihm kann ich sicher einiges lernen. Wir haben kein Problem
mit der internen Konkurrenz und verstehen uns gut.“
12.30 Uhr: Beide lobten die gute Zusammenarbeit im Team und dessen Motivation, ein wirklich
konkurrenzfähiges Fahrzeug auf die Räder zu stellen. Zwar werde der aktuelle Bolide ständig verbessert.
Laut Norbert Haug gilt ein Großteil der Konzentration allerdings dem 2011er Auto. Damit wolle und werde
man wieder um Siege und den Titel fahren.
In Sachen Beliebtheit ist die Rollenverteilung klar, die Schumacher-Anhänger sind deutlich in der
Überzahl. Hier liegt der alte Hase noch vor dem jungen Hüpfer – in der WM-Wertung sieht es anders aus:
Rosberg hat 90 Punkte und ist Sechster, Schumacher ist mit nur 36 Punkten Neunter.
„Ich hatte mir mehr erhofft von Schumacher. Ich bin etwas enttäuscht von seiner Leistung“, sagt Thomas
Mutschler, der ganz vorne an der Barriere steht und der mit dieser Meinung nicht alleine dasteht. Der
Diplom-Ingenieur aus Holzgerlingen hofft auf das kommende Jahr und auf eine gute Leistung in Hockenheim:
„Ich habe mir schon im letzten Jahr die Karten gekauft und werde hingehen, auch wenn Schumacher gerade
nicht so gut fährt.“
12.45 Uhr: Die Sirene tönt über das Werksgelände, die Pause ist zu Ende, die Bänder laufen wieder an.
Noch bleiben ein paar Minuten Zeit, um Fragen zu stellen. Helmut Kärcher will von Schumacher wissen, was
für ein Gefühl es sei, hinterherzufahren. „Kein schönes Gefühl“, sagt Schumacher knapp. Sein Mund wird
dabei aber nicht etwa schmal, wie ein Strich wie es noch vor Jahren der Fall gewesen wäre, sondern er
lächelt dabei. „Das wird auch wieder anders“, schmunzelt er. Norbert Haug schiebt nach. „Wer Michael
abschreibt, macht einen großen Fehler.“
12.50 Uhr: Schumacher, Rosberg und Haug verabschieden sich, winken kurz von der Bühne ins Publikum, dort
werden Autogrammkarten verteilt. Neben der Bühne herrscht hektisches Gedrängel, die Fotografen versuchen,
ein besonderes Bild zu schießen. Gemeinsam mit einigen Auszubildenden stellen sich die beiden Piloten zu
einem Gruppenfoto.
Dann ist Schluss. Schumacher und Rosberg ziehen weiter in Richtung Mercedes-Entwicklungszentrum, die
Arbeiter und Angestellten zu ihrem Arbeitsplatz. Der große Auflauf löst sich auf.
Locker, gelöst und durstig: Michael Schumacher, Mercedes-Pressesprecher Wolfgang Schattling. Nico Rosberg
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und Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug (von links) auf der Bühne im Mercedes-Werk. Bilder: Oberdorfer
Schumacher schauen in der Mittagspause – Mercedes-Mitarbeiter beim Auftritt der Formel-1-Fahrer.